Warum Waldkindergärten? Kinder von heute leben in einer Gesellschaft, die weitgehend die Mentalität: "Sein durch Haben" verkörpert. Kaufen und konsumieren haben schon im Kindesalter einen hohen Stellenwert und machen Kinder zu Konsumenten. Die Kindheit wird zu einem großen Teil in Räumen verlebt ("Innenraumkindheit"). Spielzeug als Statussymbol ersetzt häufig Kontakte zu Spielkameraden. Echte Abenteuer sind selten geworden. Probleme der modernen Kindererziehung In den pädagogischen Institutionen, in denen Kindheit heutzutage immer mehr stattfindet, werden Kindern in der Regel nur künstlich geschützte Erfahrungen zugebilligt, aus der Sorge heraus, sie könnten sich verletzen, erkälten oder schmutzig machen. Soziale und psychische Defizite, die passives Konsumverhalten, Bewegungsmangel und die Entfremdung von der Natur hervorrufen, sind mehr als bekannt. Hier seien deshalb nur die am häufigsten beklagten Abweichungen von einer gesunden Entwicklung erwähnt: allgemeine Entwicklungsstörungen Defizite in der Sinneswahrnehmung Störung der Motorik und des Gleichgewichtes zunehmende Aggressionen und Verhaltensauffälligkeiten Wahrnehmung- und Konzentrationsstörungen Sprachprobleme/Verarmung der Sprache Passivität Interesselosigkeit Übergewicht Haltungsschäden Stresskrankheiten Beziehungslosigkeit Materialismus und soziale Kälte. Nach Ansicht der Waldpädagogen fordert eine derart zugespitzte Lage im pädagogischen Bereich ein radikales Umdenken und neue, alternative Erziehungsmodelle schon im Elementarbereich. Während früher die Kinder sehr viel Freiraum zu unbeobachtetem Spiel hatten, steht das Kind heute mehr oder weniger unter ständiger Beobachtung. Für die umfassende Entwicklung des Gehirns ist aber wichtig, dass Kinder in der Natur ein Territorium haben, in welchem sie von den Eltern unkontrolliert sind (Entwicklungspsychologie nach Piaget). Später hat sich u.a. aus diesen Ansätzen der Begriff der "entpädagogisierten Räume" gebildet. Ein weiterer wichtiger Ansatz ist das spielzeugfreie Spielen im Wald, da insbesondere Kinder für ihre Entwicklung Erlebnisse, die sie kognitiv, psychisch und auch physisch fordern benötigen, um diese voranzutreiben. Spielen mit anderen Das Spielen ohne Spielzeug macht Freundschaften wieder notwendig und fördert den Prozess der sprachlichen Kommunikation unter den Kindern. Stille, Weite und die fast grenzenlosen Rückzugsmöglichkeiten helfen dem Kind sich zu entspannen und zu konzentrieren. Schräge Ebenen, unterschiedliche Bodenbeschaffenheiten, verschiedene Höhen, sowie Möglichkeiten zum Klettern, Schaukeln, Wippen und Balancieren machen den Wald zu einem optimalen psychosozialen Übungsfeld, das kaum in einer Turnhalle künstlich nachgebaut werden kann. Beim großräumigen Bauen mit selbst herbeigeschafftem Material erleben sich Kinder wieder als Handelnde und Verursacher, wobei sie wertvolle Erfahrungen mit physikalischen Gesetzen machen. Spielen im Wald Viele Wissenschaftler gehen von einer "sensiblen Phase" aus, in der Kinder für Naturerfahrungen besonders offen sind. Kinder brauchen den Umgang mit der Natur, mit dem Elementaren wie Erde, Sand, Dickicht, Holz, Pflanzen, Tiere, Wasser und Wetter. Diese banalen Erfahrungen sind die Grundlage von Geborgenheit und "sich-zu-Hause- fühlen" in der Welt. Der Wald als Umgebung für das kindliche Spiel wird nie langweilig. Alle Sinne werden täglich beansprucht; eine differenzierte Wahrnehmung wird geschult. Das Kind kommt mit den unterschiedlichsten Materialien in Befühlung. Der Wald ist voller kleiner Dinge, die die Kinder fortwährend begeistern und zum Sammeln und Gestalten auffordern. Im Rhythmus der Jahreszeiten finden Kinder ihre eigenen Rhythmen und werden zu einem Denken in Prozessen hingeführt. Die Jahreszeiten lehren darüber hinaus Ausdauer und Anpassung, beides wichtige Bedingungen für reale Selbsteinschätzung und Körperbewusstsein. Naturmaterialien, die komplex und variabel sind, fördern Kreativität und Phantasie. Der Wald kommt dem Wunsch nach Geheimnissen, Abenteuer und Versteckspiel entgegen und befriedigt das natürliche Bedürfnis des Kindes nach selbst bestimmtem Rollenspiel. Das tägliche Beobachten von Pflanzen und Tieren fördert eine intensive und liebevolle Beziehung zur Natur. So wird im Waldkindergarten der Grundstein für einen verantwortungsvollen Umgang mit der Natur gesetzt. Der Waldkindergarten vermittelt Strategien, mit knappen Mitteln glücklich zu sein. Er wirkt so Materialismus und "Konsumterror" entgegen, stellt eine "neue Bescheidenheit" her, in Folge derer unsere Umwelt noch zu retten ist.